Landreform und Landverknappung in Laos

Derecho Administrativo

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Landreform und Landverknappung in Laos
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  Land Grabbing in Südostasien 1 2012 südostasien 25           l       a       o       s Oliver Tappe Staudammprojekte, Wirtschaftssonderzonen undKautschukplantagen haben spezifische Kontexte von land grabbing   geschaffen, oft im Namen wirtschaft-licher Entwicklung und der südostasiatischenMarktintegration. Daneben gibt es zudem ver-gleichsweise subtile Tendenzen hin zu einer fakti-schen Landverknappung in Laos. Angesichts der ge-ringen Bevölkerungsdichte von Laos – knapp siebenMillionen Einwohner verteilen sich auf die FlächeGroßbritanniens – mag dies absurd erscheinen. Tat-sächlich gelten die vom Wanderfeldbau geprägtenlandwirtschaftlichen Traditionen, gerade der vielenverschiedenen ethnischen Gruppen im laotischenHochland, als beispielhaft für das Fehlen von Land-besitz. Auf der anderen Seite jedoch sind die Flä-chen für intensiven Nassreisanbau vergleichsweiseknapp, da 80 Prozent des laotischen Territoriumsbergig sind und meist kaum Spielraum für landwirt-schaftliche Produktionssteigerungen bieten. Semi-subsistente Lebensweisen charakterisieren bis heuteviele Bergdörfer in Laos und sind mit verantwortlichfür die bescheidenen Wirtschaftsdaten der Volksre-publik. Laos gehört weiterhin zu den least devel- oped countries und will diese Kategorie bis 2020verlassen – vor allem durch landwirtschaftliche Pro-duktionssteigerungen. Staatliche Landverteilung Warum nun die Diskussion um Landverknappung inden dünn besiedelten Regionen jenseits der Me-kong-Ebene? Angestoßen hat diese Entwicklung i-ronischerweise die Einführung von Landzertifikaten,die allen Laoten Besitzrechte und die Chance auf Wohlstand ermöglichen sollte. Die mit diesem Pro-gramm einhergehenden Transformationen in Rich- tung Marktwirtschaft haben nicht nur ökonomische,sondern auch gesellschaftliche und kulturelle Ver-änderungen nach sich gezogen. Die wirtschaftlicheEntwicklung hat im Zuge der gewachsenen sozialenDifferenzierung Gewinner und Verlierer hervorge-bracht. Ein Blick auf die Durchführung und Konse-quenzen der Landreform in Laos zeigt beispielhaftdie gegenwärtigen ambivalenten Dynamiken in derVolksrepublik. Unter der Federführung der Welt-bank wurde das »Land Titling Project« im Jahre1997 initiiert und 2003 nochmals ausgeweitet. Zielwar und ist es, einen organisatorischen und juristi-schen Rahmen für die effektive Verwaltung vonLandnutzung und für die Zuweisung von Landtitelnzu schaffen. Innerhalb des laotischen Parteiapparatswurde eine zuständige Behörde aufgebaut – das Land and Forest Allocation Programme (LFAP).Grundannahme dieser Politik war, dass Besitzrechteund Landnutzungssicherheit die Intensivierung derLandwirtschaft und damit ländliche Entwicklungbegünstigen würde. Auch die Entstehung einesMarktes für Grund und Boden galt als Ansporn fürentsprechende Investitionen und Wirtschafts-wachstum; ferner wurden große Hoffnungen in dieGenerierung von Einnahmen durch Grundsteuerngesetzt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Landre-form war auch Natur- und Ressourcenschutz durchdie klare Trennung von Farm- und Waldland, mitweit reichenden sozioökonomischen Konsequenzenvor allem für die Bevölkerung der – noch – großflä-chig bewaldeten Hochlandregionen.  Wald- versus Farmland Am Anfang standen sogenannte zoning projects  ,mit denen rechtlich bindende Grenzen zwischenFarm- und Waldland definiert wurden. Innerhalbder Kategorie Waldland wurden zudem kategorialeUnterscheidungen getroffen, so zwischen absolutgeschütztem Wald und Nutzwald, in dem die Dorf-bewohner jagen, begrenzt Holz schlagen und ande-re Waldprodukte (bekannt unter der Kategorie non-  Kollateralschäden Landreform und Landverknappung in Laos Landnahmeprozesse werden bisweilen als notwendige Kollateralschädenauf dem Weg der Laotischen Demokratischen Volksrepublik in RichtungMarktwirtschaft und Fortschritt hingenommen. Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung. Erforscht zu den verschiedenen ethnischen Gruppen imlaotisch-vietnamesischen Hochland.  Land Grabbing in Südostasien südostasien1 2012 26           l       a       o       s timber forest products  ) sammeln konnten. Dorf-karten wurden aufgestellt, in denen die jeweiligenFlächen in unterschiedlichen Farben ver-merkt wurden – und die nach wenigen Jahren viel-fach kaum noch mit der tatsächlichen Landvertei-lung übereinstimmen. Niedriger Sekundärwaldblieb tendenzielle Ausweichmöglichkeit für zusätzli-che Landverteilung, die angesichts der zunehmen-den Bevölkerungskonzentration in bestimmtenDörfern durch staatlich forcierte Umsiedlung im-mens benötigt wurden. Vielfach reichten diese Flä-chen nicht aus. Wenn beispielsweise unkontrolliertBergdörfer in die Täler, meist entlang von Über-landstraßen, umgesiedelt wurden. Hier wurde dasFarmland schnell knapp, so dass gerade die Neuan-kömmlinge oft keine Landtitel mehr erwerbenkonnten und halblegal Parzellen auf den bewalde- ten Berghängen bestellten. Dorfchefs ignoriertenum des sozialen Friedens Willen die zentralstaatli-chen Vorgaben und erlaubten unter der Hand dieErschließung von Feldern in den bewaldeten Hoch-lagen. Das Dilemma von gleichzeitig faktischerLandverknappung durch die Begrenzung vonFarmland und erhöhtem Bevölkerungsdruck durchwillkürliche Umsiedlungspolitik stellt die Dorfver-waltung vor schier unlösbare Probleme. Konflikteentstehen vor allem dort, wo der Staat Anbauflä-chen für Plantagenkonzessionen vergibt und zusätz-lich den Druck auf die Verteilung von landwirt-schaftlich nutzbaren Flächen erhöht. Hier fällt derWald oftmals sowohl den Plantagen als auch ver-zweifelten Bergbauern zum Opfer. Effektiver Ressourcenschutz? Landverteilung geht de facto mit der Illegalisierungvon Wanderfeldbau einher. Tatsächlich steht dieEindämmung dieser traditionellen landwirtschaftli-chen Praxis weit oben auf der entwicklungspoliti-schen Agenda in Laos. Zur Begründung werdenmeist Ressourcenschutz und Steigerung landwirt-schaftlicher Produktivität genannt. Zweifellos ist ge-rade in Gebieten mit wachsender Bevölkerung dieBrandrodung von Waldgebieten ein Problem undim laotischen Hochland ziehen in der Trockenzeitregelmäßig beißende Rauchschwaden durch die en-gen Täler – und legten 2010 in Luang Prabang so-gar den Flugverkehr lahm. Andererseits sorgennachhaltige Brachezeiten für die Erholung desWaldbestandes, ohnehin meist Sekundärwald. Dochgenau hier liegt der Knackpunkt: Gemäß staatlicherDirektive sollen zur Produktionssteigerung die Bra-chezeiten auf drei statt 15-20 Jahre reduziert wer-den. Bei Nichteinhaltung droht der Verlust desLandtitels. Konsequenz dieser Politik sind ausge-laugte Böden, Schädlingsbefall und geringe Ernten– und letztlich doch wieder die Ausweitung der Fel-der auf die eigentlich geschützten Waldhänge. Eineviel größere Bedrohung für die laotischen Wälderbleibt allerdings der unkontrollierte Holzeinschlagvor allem für die boomende vietnamesische Holz-industrie. Da der Zugang zu den Wäldern für dieBergbauern durch die neue Gesetzgebung begrenztwurde, haben die Holzfirmen oft freie Bahn. Glei-ches gilt für den großflächigen Anbau von Kau- tschukplantagen, für die sowohl wertvolles Acker-land als auch Waldflächen geopfert wurden. Es sollaber nicht unerwähnt bleiben, dass in der laoti-schen Regierung aufgrund regionaler Beschwerdenein Umdenken stattgefunden hat und der Kau- tschukanbau eingedämmt werden soll. Ökonomische Perspektiven und Risiken Vertragsanbau von Kautschuk für chinesische Fir-men hat einigen Hochlanddörfern durchaus be-scheidenen Wohlstand beschert. Vieles hängt dabeisowohl vom Verhandlungsgeschick und der politi-schen Erfahrung als auch vom Bildungsgrad derDorfvorsteher ab. Wo die Regeln der Marktwirt-schaft und die Fallstricke von Verträgen mit auslän-dischen Investoren durchschaut werden, kann einDorf durch Kontrakte mit chinesischen und vietna-mesischen Abnehmern lukrative Einkommensquel-len erschließen. Weit verbreitet ist beispielsweise inNordost-Laos der Anbau von Mais und Maniok alsTierfutter für den vietnamesischen Markt. Wenn imVorfeld Preise und Anbauvolumen geklärt sind,kann das für Planungssicherheit sorgen. Allerdingsgeht die Hinwendung zu solchen cash crops   mit derReduzierung von Flächen für den Reisanbau einher.Preisschwankungen und Missernten gefährden dieSubsistenz, wenn der tägliche Reis zugekauft wer-den muss. Oft wird Land und Vieh verkauft, um insolchen Krisen weiterhin die Familie zu ernähren.Der Druck wächst, wenn auch das Motorrad undandere Güter der Moderne auf Kredit gekauft wur-den. Vielfach ist letzte Option wieder die Rodungvon Waldflächen in den Bergen, was nun illegal istund teilweise mit Geld- oder gar Gefängnisstrafeneinhergehen kann – je nach Gutdünken der lokalenAutoritäten. Wo diese Alternativen nicht geduldetwerden, entsteht eine Klasse von landlosen Armen,die sich entweder auf den Feldern der von derLandverteilung begünstigten Bauern verdingen oderin die Städte auswandern. Da in Laos bislang keinerwähnenswerter industrieller Sektor besteht, kanndiese wachsende Gruppe nicht durch dortige Lohn-arbeit absorbiert werden. Es bahnen sich also sozi-ale Probleme an, deren Lösung eine der größtenHerausforderung für die laotische Regierung be-deutet, will sie ihre uneingeschränkte Macht – die ja gerade auf dem Versprechen von Aufschwungund Wohlstand basiert – erhalten.  Land Grabbing in Südostasien 1 2012 südostasien 27           l       a       o       s Ein starker Staat? Wie bereits der Fall bei den vergleichbaren Rich- tungsänderungen von China und Vietnam, habendie marktwirtschaftlichen Reformprozesse das auto-ritäre Regime in Laos nicht untergraben sondernvielmehr zu seiner Stabilität beigetragen. Zum ei-nen hat die Partei ihre Legitimität eng an den vorallem in den Städten spürbaren wirtschaftlichenAufschwung geknüpft – wiederum nach dem Vor-bild der beiden großen sozialistischen Nachbarn.Zum anderen hat die staatliche Vergabe von Land- titeln dazu geführt, dass in der ländlichen Periphe-rie die Staatsbürokratie erstmals vollen Zugriff auf den Alltag der bislang oft semi-subsistenten Land-bevölkerung hat. Der Entwicklungsexperte ChristianLund argumentiert in diesem Zusammenhang, dieAkzeptanz von Landtiteln ginge mit der Akzeptanzder entsprechenden Staatsbehörden einher – indemdie Regierung Landtitel ausstellt, festigt sie ihreSouveränität als »Besitzer« des Landes. Zwar lag imsozialistischen Laos schon immer alles Land offiziellin Staatsbesitz, was aber nicht lokale Rechtsordnun-gen in Sachen Landvergabe und -nutzung aus-schloss. Nun versuchen Dorfvorsteher den Spagatzwischen der Durchführung staatlich verordneterLandreformen und der Gewährleistung dörflicherSubsistenz und sozialem Frieden.  Wandel im Hochland Abschließend ein Beispiel aus der Provinz Hou-aphan in Nordostlaos, wo die ethnische Minderheitder Hmong beispielhaft für Veränderungen imHochland steht. Die meisten Dörfer dieser Gruppewurden umgesiedelt und sind heute entlang derStraßen zu finden. Dort wurde ihnen Land zugeteilt,das aber vielfach zur Nahrungsversorgung nichtausreichte – derweil ihr traditioneller Wanderfeld-bau nur in geringem Ausmaß von den Provinzauto-ritäten toleriert wurde. Viele Hmong experimen- tierten daher mit diversen cash crops   oder durch-forsteten heimlich die Bergwälder nach Jagdbeuteoder Waldprodukten. Während letztere nur unre-gelmäßiges Einkommen generieren, hat der Anbauvon Feldfrüchten für den Markt stellenweise zudauerhaften Vertragsbeziehungen zu vietnamesi-schen Abnehmern und zu bescheidenem Wohlstandgeführt. Der Alltag der Hmong bleibt jedoch wei- terhin prekär, weil mit dem Einkommen nicht nurdie Nahrungsversorgung der Familie sichergestelltwird – vielfach wird komplett auf eigenen Reisan-bau verzichtet und lediglich ein paar Parzellen Ge-müse angebaut – sondern auch die lange ersehntenErrungenschaften der Moderne bezahlt werdenmüssen. Krankenhausbehandlungen, Schulbildungder Kinder und Stromversorgung gibt es nicht um-sonst. Derweil kennen die jüngeren Generationendas Leben mit und im Wald nur noch aus Erzählun-gen der Eltern, sodass das Wissen über traditionelleHeilpflanzen und kulinarische Diversität verloren zugehen droht. Gleichzeitig wächst die Zahl derjeni-gen, die nicht genug Land oder Kapital zur Teil-nahme an der schönen neuen Marktwirtschaft ha-ben und zunehmend ihr Heil in der Arbeitsmigrati-on suchen, sei es in die laotischen Städte des Tief-lands oder sogar ins Ausland. Diese Diskrepanz istwohl der Preis für die Jahr für Jahr positiveren Wirt-schaftsdaten und den angeblichen Ressourcenschutzin Laos. Angesichts des andauernden Holzeinschlagsund des Land- und Ressourcenhungers der Nach-barstaaten wird die faktische Landverknappung imlaotischen Hochland den Restwald wohl auch nichtretten. Literatur Friederichsen, Rupert & Andreas Neef: Variations of Late SocialistDevelopment: Integration and Marginalization in the NorthernUplands of Vietnam and Laos. European Journal of Develop- ment Research   22, 2010: 564-581.Fujita, Yayoi & Khamla Phanvilay: Land and Forest Allocation in LaoPeople's Democratic Republic. Society and Natural Resources  21, 2008:120-133.Lund, Christian: Fragmented Sovereignty: Land Reform and Dispos-session in Laos.  Journal of Peasant Studies   38/4, 2011:Rigg, Jonathan: Living with Transition in Laos: Market Integration in Southeast Asia  . London: Routledge, 2005. Plan zur Landvergabe – Dorfkarte in Houaphan, einer Gebirgsregion in Laos Foto: O. Tappe
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